Trainspotting

„Sag ja zum Leben, sag ja zum Job, sag ja zur Karriere, sag ja zur Familie. Sag ja zu einem pervers großen Fernseher. Sag ja zu Waschmaschinen, Autos, CD-Playern und elektrischen Dosenöffnern. Sag ja zur Gesundheit, niedrigem Cholesterinspiegel und Zahnzusatzversicherung. Sag ja zur Bausparkasse, sag ja zur ersten Eigentumswohnung, sag ja zu den richtigen Freunden. Sag ja zur Freizeitkleidung mit passenden Koffern, sag ja zum dreiteiligen Anzug auf Ratenzahlung in hunderten von Scheiß-Stoffen. Sag ja zu Do-it-yourself und dazu, dass Du am Sonntagmorgen nicht mehr weißt, wer du bist. Sag ja dazu auf Deiner Couch zu hocken und Dir hirnlähmende Gameshows reinzuziehen, und Dich dabei mit scheiß Junk-Frass vollzustopfen. Sag ja dazu, am Schluss vor Dich hinzuverwesen, Dich in einer elenden Bruchbude vollzupissen und den missratenen Ego-Ratten von Kindern, die Du gezeugt hast, damit sie Dich ersetzen, nur noch peinlich zu sein. Sag ja zur Zukunft, sag ja zum Leben. Aber warum sollte ich das machen? Ich habe zum ja sagen nein gesagt. Die Gründe? Es gibt keine Gründe. Wer braucht Gründe, wenn man Heroin hat?“ [1]

Einer der profitabelsten britischen Filme aller Zeiten bedeutete den internationalen Durchbruch für Regisseur Danny Boyle, der mit „Kleine Morde unter Freunden” bereits einen Achtungserfolg landen konnte. Mit seinem phantastischen, humoresken Drogen-Drama „Trainspotting“ schuf der Briten einen Kultfilm für das Anti-Establishment. Seine Groteske nach dem Roman von Irvine Welsh ist brillant gespielt, hervorragend geschrieben und sprüht nur so voller visueller Ideen. Ein düster-berauschendes, schmutziges Meisterwerk. Schockierend und unterhaltsam.

Mark Renton (Ewan McGregor) und seine Freunde Spud (Ewen Bremner) und Sick Boy (Jonny Lee Miller) stecken tief in der Drogenszene Edinburghs. Nur ihre Cliquen-Kumpel Begbie (Robert Carlyle) und Tommy (Kevin McKidd) hängen nicht an der Nadel. Um ihren Lebensunterhalt finanzieren zu können, begehen sie kleinere Diebstähle und Überfälle. Das Herauskommen aus der Misere schiebt Renton immer wieder vor sich her. Nachdem er sich dann doch zu einem Entzug durchringt, gerät er gleich in die nächste Schwierigkeit. Er verbringt eine Nacht mit der attraktiven Diane (Kelly Macdonald). Später stellt sich heraus, dass das frühreife Mädchen noch zur Schule geht und minderjährig ist. Rentons drogenfreie Zeit dauert auch nicht lange an - er erleidet einen schweren Rückfall und wird mit einer Überdosis ins Krankenhaus eingeliefert...

Der nur 3,5 Mio Dollar teure Film löste 1996 in Großbritannien eine wahre „Trainspotting“-Mania aus. Mit der genialen Verfilmung des Kultromans von Irvine Welsh schuf Regisseur Danny Boyle ein neues, großes Stück Popkultur. Das Thema Drogensucht geht er nicht auf konventionelle Weise an. Obwohl „Trainspotting“ erschütternd dramatische Szenen enthält, ist der Grundton mit einem trockenen, schwarzen Humor versehen, der dem Film eine ungeheure Leichtigkeit und Coolness gibt. Das Kunststück dabei: Die Drogensucht wird trotz des lockeren Tons keinesfalls glorifiziert, sondern realitätsnah transportiert.

Die Dialoge, die John Hodge seinen Post-Punk-Anti-Helden auf den Leib schrieb, sind über die gesamte Spielzeit grandios, messerscharf und zynisch. Nicht nur das: Vor allem lebt der Film von den starken Charakteren. Ewan McGregor brilliert als Mark Renton mit eine Mischung aus Intensität, Gleichgültigkeit und Coolness. Am liebsten würde Mark in seinem Rausch durchs Leben schweben, auf der Suche nach dem ultimativen Kick - aber die Vernunft kommt immer mal wieder hervor. Seine Mitstreiter Ewen Bremner, Robert Carlyle und Jonny Lee Miller liefern ähnlich herausragende Leistungen ab. Bremner ist als Spud der Chaotischste der Clique, Carlyle gibt seinen Säufer Begbie als tickende, aggressive Zeitbombe und Miller versprüht die größte Gelassenheit und Coolness. Auch Kelly Macdonald passt sich perfekt in das Ensemble ein. Stilistisch zaubert Boyle ein wahres Feuerwerk auf die Leinwand. Er verfremdet teilweise surreal die Szenerie. Wenn Renton in der legendären Klosequenz in der beschissensten Toilette Schottlands nach zwei versehentlich entsorgten Opiumzäpfchen fischt, versinkt er zunächst kopfüber in der widerwärtigen Kloake und taucht plötzlich in einem glasklarem See weiter nach den Drogen. Drehbuchautor Hodge versteht es exzellent, der episodenhaften Struktur der Welsh-Vorlage ein stringentes, dramaturgisch stimmiges Handlungskorsetts zu verpassen, das die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf Trab hält.

Eine weitere große Rolle spielt die Musik. Iggy Pops Fun-Klassiker „Lust for life“ zeigt gleich zu Beginn, wo es langgeht. Neben Brit-Pop von Blur und Pulp wurde Underworlds Dancefloor-Reißer „Born slippy“ zur berauschenden, treibenden Hymne des Films. Lou Reeds „Perfect World“ untermalt Rentons Kampf gegen den Tod nach der Überdosis. Solch grimmiger Zynismus macht aus „Trainspotting“ einen rasenden Albtraum-Express, der durch rabenschwarzen Humor gebrochen und getrieben wird. Auch wenn die Clique im tiefsten Elend steckt, haben sie zumeist eine Menge Spaß dabei. Das ist politisch höchst unkorrekt und unmoralisch, dafür aber umso authentischer. Den gehobenen Zeigefinger lässt Boyle wohlwissend in der Tasche. Es ist eben diese Unkonventionalität und Unkorrektheit, die „Trainspotting“ zum Kult machte. Dazu weisen die faszinierenden Charaktere am Rande der Gesellschaft eine beachtliche Tiefe auf, Seelenzustände werden brutal offenbart.

Ob es tatsächlich ein Sequel gibt, ist übrigens immer noch unklar. Zwar schrieb Irvine Welsh bereits vor Jahren die Fortsetzung „Porno“, aber bisher konnten sich die Beteiligten noch nicht einigen. Interessant wäre es schon, den Werdegang der Figuren auf der Leinwand weiter zu verfolgen, aber ist ein Kultfilm zu wiederholen? Wahrscheinlich nicht...
[1] Eröffnungsmonolog vom Mark Renton (Ewan McGregor)
Carsten Baumgardt